Episode 7: Wie viel Weichgewebe braucht ein Implantat?

Shownotes

Bislang galt das Bindegewebs­transplantat als Gold­standard für ein Plus an Weichgewebe rund um Implantate. Die bisherigen Erfahrungen mit xenogenen Materialien lassen den Schluss zu, dass sie eine gute Alternative sein können. Andreas van Orten, Zahnarzt aus Paderborn, skizziert die Vorteile des Einsatzes azellulärer dermaler Matrices zur Vergrößerung des Weichgewebe­volumens gleich in unterschiedlichen Indikationen. Inzwischen setzt er die xenogene Alternative nicht nur in der Rezessions­deckung ein, sondern auch nach der Aligner­therapie und zur ästhetischen Brücken­gestaltung (Pontic). Aufgrund der Vermeidung der Entnahme­morbidität und unlimitierten Verfügbarkeit hat er seine „Protokolle umgestellt“. „Sodass ich heute sagen würde, die azelluläre dermale Matrix ist bei mir die erste Wahl, weil ich einfach weniger Komplikationen habe“, begründet Andreas van Orten.

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Transkript anzeigen

00:00:03: Für den Langzeiterfolg der Implantate scheint  die Qualität, eventuell auch die Quantität,  

00:00:08: der periimplantären Weichgewebe eine maßgebliche  Bedeutung zu haben. Wir sprechen heute mit  

00:00:13: Andreas von Orten, Zahnarzt, Spezialist für  Implantologie, Master of Science Implantologie  

00:00:20: und Parodontologie aus Paderborn, zum Thema: Wie  viel Weichgewebe braucht ein Implantat? Andy,  

00:00:26: ich freue mich total, dass du dich heute  unseren Fragen stellst. Ich danke dir  

00:00:30: für deine Zeit, ich freue mich sehr. Dann  starten wir doch gleich mit der ersten Frage:  

00:00:34: Welche Weichgewebecharakteristiken  favorisierst du periimplantär? Ich  

00:00:39: orientiere mich an einer Konsensusempfehlung,  die gemeinsam veröffentlicht wurde von der DGI,  

00:00:45: der SEPA und der Osteology vor zwei Jahren.  Chairs waren Frank Schwarz und Mariano Sanz,  

00:00:52: und die Konsensusempfehlung empfiehlt die Erwägung  der Schaffung von mindestens 2 mm keratinisiertem und getachter

00:01:01: Gewebe periimplantär, wenn sie nicht vorhanden  sind, und auch eine ausreichende Vestibulumtiefe.  

00:01:07: Das zweite, was ich mir wünsche, wo wir noch  nicht so ganz klare Konsensusempfehlungen haben,  

00:01:12: ist ein ausreichendes Weichgewebevolumen. Da  haben wir einfach in den letzten fünf Jahren  

00:01:17: doch relativ viele Daten bekommen, z.B. von Stefan  Fickel, von Thomas Linkevicius, von Monika Puzio,  

00:01:28: und es scheint sich doch herauszukristallisieren,  dass wir in einem deutlich erhöhten Maß marginalen  

00:01:35: Knochenverlust nach der Insertion erwarten  müssen, wenn wir Weichgewebevolumen haben,  

00:01:41: das 3 mm unterschreitet. Das ist für mich  die Grenze, die ich eigentlich in keinem  

00:01:46: Fall unterschreiten möchte. Teilweise kann man  sie kompensieren durch das tiefere Inserieren  

00:01:53: von Implantaten, möglicherweise. Das heißt,  die Insertionstiefe hat auf die notwendige  

00:01:58: Weichgewebedicke einen riesigen Einfluss? Ich  denke schon über die biologische Breite. Wir  

00:02:03: wissen heute, dass die biologische Breite kein  fester Zahlenwert ist. Der ist interindividuell  

00:02:09: und teilweise auch intraindividuell  unterschiedlich, abhängig vom Implantattyp und  

00:02:16: möglicherweise auch abhängig davon, in welchem  Kiefer es gesetzt wird. Die biologische Breite,  

00:02:22: wenn man sich jetzt an Veröffentlichungen  orientiert, z.B. von Ramon Gomez-Meda,  

00:02:28: beträgt idealerweise wahrscheinlich zwischen  dreieinhalb und viereinhalb mm. Und wenn ich meine  

00:02:35: Implantate subkrestal platzieren kann, benötige  ich möglicherweise weniger Weichgewebevolumen,  

00:02:43: aber grundsätzlich unterschreite ich ungern  die Weichgewebedicke von 3 mm.

00:02:49: Du hast gerade die Implantatkonfiguration angesprochen.  Welche Implantatkonfiguration bevorzugst  

00:02:55: du? Also ich persönlich verwende seit 20  oder über 20 Jahren in 99% der Fälle eine  

00:03:05: konische Implantat-Abutment-Verbindung  und Bone-Level-Implantate. Ich finde  

00:03:11: Tissue-Level-Implantate haben einen wahnsinnigen  Charme, aber einfach aus Praktikabilitätsgründen  

00:03:18: arbeite ich in der Regel ausschließlich  mit Bone-Level-Implantaten.

00:03:22: Wenn du jetzt die Implantate so tief inserierst, wie  gestaltest du dann die Abutments oder  

00:03:29: gestalten deine Techniker? Sehr schön beschrieben  hat es wirklich Gomez-Meda in einer Arbeit,  

00:03:36: die 2021 veröffentlicht hat. Er hat es das  "Aesthetic Biological Contour Concept" genannt,  

00:03:44: und in ähnliche Richtung gehen das "Umbrella  Concept" oder bei Bone-Level gesetzten.  

00:03:50: Implantaten das C-Shape oder Concave Konzept und  die Gestaltung der Abutments im Emergenzprofil sollte möglichst  

00:04:03: in den Bereichen, wo man Platform geswitcht hat  und knochennahe ist, parallel entwickelt werden  

00:04:08: und erst in den Bereichen, wo wir jetzt ein  bisschen Englisch haben, wo wir ein junctional  

00:04:14: epithelium vorliegen haben, würde ich dann  anfangen, das Emergenzprofil zu entwickeln.  

00:04:20: Vom Material her wäre mein Material der Wahl in  den kortikalen Bereichen Titan, das wir praktisch  

00:04:29: patientenindividuelle Titan-Klebebasen anfertigen,  auf die wir dann Zirkon kleben, entweder als  

00:04:36: Intermediärstruktur, wenn wir in hochästhetische  Bereiche wollen, oder der Behandler vielleicht  

00:04:43: auch eine Lithiumdisilikat-Krone einsetzen will.  Aber dort, wo ich in direkten Schleimhautkontakt  

00:04:48: trete, mag ich am liebsten Zirkon. Und wie  muss es dann gestaltet sein, wie muss das  

00:04:55: ausgearbeitet sein, dieses Zirkon? Da gibt es  unterschiedliche Empfehlungen, also wo sich  

00:05:01: meines Wissens nach alle sehr einig sind, ist,  dass wir das Zirkon nicht mit Glasurmassen oder  

00:05:07: Glaskeramiken oder Glaze ähnlichen Komponenten  bemalen sollten, sondern es sollte wirklich reines  

00:05:13: Zirkon sein. Wo unterschiedliche Behandler sehr  erfolgreiche Konzepte parallel noch fahren, also  

00:05:22: ich würde da gern zitieren den Arndt Happe, der für eine  gewisse Mikrorauigkeit plädiert, auf der anderen  

00:05:27: Seite vielleicht die Schule von Tomas Linkevičius, die  wirklich hochglanzpoliertes Zirkon favorisieren.  

00:05:34: Dem würde ich mich anschließen. Das  heißt, du machst beides, sowohl als auch  

00:05:40: indikationsabhängig, oder hast du... äh, ich habe  mich aus Praktikabilitätsgründen für den Hochglanz  

00:05:46: entschieden, weil ich denke, es ist, wenn man  mit unterschiedlichen Technikern arbeitet,  

00:05:51: leichter zu vermitteln und der ist für  mich leichter kontrollierbar. Okay, und  

00:05:55: äh, in meinen eigenen Händen funktioniert es  sehr gut, wenn ich die Nachkontrollen mache,  

00:06:02: dass ich also sehr glücklich bin mit der  Anlagerung der Weichgewebe an originär  

00:06:07: belassenes aber hochglanzpoliertes Zirkon. Wie  machst du die Nachkontrollen? Klinisch inspiziere  

00:06:16: ich das Ganze natürlich zuerst optisch und meine  Lieblingssonde ist eine Kunststoff-Parodontal Pro 

00:06:25: mit Millimeter-Markierung und dann sondiere  ich mit ganz, ganz wenig Krafteinwirkung,  

00:06:31: so praktisch nur das Eigengewicht der Sonde, wenn  nötig. Patienten sind doch schmerzsensitiver, wenn  

00:06:40: man um Implantate sondiert als um Zähne herum, und  auch dort gibt es aktuell keinen Konsensus. Also  

00:06:48: wenn man jetzt z.B. einen Key Opinion Leader  wie Jan Derks fragt, der sondiert praktisch  

00:06:54: in jeder routinemäßigen Nachkontrolle bis hin zu  Leuten, die sagen, besser nicht sondieren, um den  

00:07:01: biologischen Seal nicht zu beschädigen. Und ich  bin irgendwo so mittendrin. Also wenn ich einen  

00:07:06: Patienten habe, der sehr, sehr engmaschig und  vielleicht auch erst kurzfristig versorgt wurde  

00:07:12: und der kommt gerade aus der Prophylaxe und wurde  dort von der Dentalhygienikerin nachuntersucht,  

00:07:19: dann sondiere ich nicht regelmäßig. Wenn ich  Rötung sehe, wenn ein Patient Unannehmlichkeiten  

00:07:26: beschreibt, dann ist das Sondieren eine der  ersten Maßnahmen, die ich ergreife, um zu schauen,  

00:07:30: ob eine Mukositis oder im schlimmsten Fall auch  vielleicht eine Periimplantitis vorliegt. Jetzt  

00:07:35: musst du Weichgewebe ja irgendwie kreieren. Welche  chirurgischen Eingriffe wendest du da an?  

00:07:41: Der Eingriff, den ich wahrscheinlich am häufigsten  mache, ist die Vermehrung des Weichgewebevolumens  

00:07:49: klassisch mit autologen Geweben, und  die haben natürlich immer den Nachteil,  

00:07:55: dass man nicht unbegrenzt Weichgewebevolumen zur  Verfügung hat. Wenn es größere Eingriffe werden  

00:08:00: oder auch wenn man Rezessionsdeckung z.B. macht,  dann limitiert oft einfach das Weichgewebevolumen,  

00:08:06: das man im Gaumen z.B. vorfindet. Der zweite  Eingriff ist wirklich die Schaffung von  

00:08:13: attachtem und möglichst keratinisiertem Gewebe,  und die würde ich auch unabhängig voneinander  

00:08:18: betrachten. Die Schaffung von keratinisiertem  attachtem Gewebe mache ich am liebsten mit  

00:08:24: nach apikal verschobenen Lappen und einem freien  Schleimhauttransplantat. Die Entnahmemorbidität  

00:08:30: von freien Schleimhauttransplantaten schätze  ich persönlich und auch das Gros der Patienten,  

00:08:38: die ich behandelt habe, als geringer ein als die  Entnahme von größeren Bindegewebstransplantaten,  

00:08:44: weil wir doch nur eine kleine Schürfwunde haben.  Ich nehme es gerne mit einem Mukotom (Dermatom bei  

00:08:50: den Hautärzten), und dann habe ich wirklich eine  definierte Entnahmetiefe von einem Millimeter,  

00:08:56: die sehr schnell zugranuliert, während wenn ich  Bindegewebe oder Bindegewebsersatz brauche und  

00:09:03: das auch noch in einem größeren Volumen, ist  mein Standardeingriff heute nicht mehr das  

00:09:08: autologe Gewebe. Bzw. ich bespreche das mit den  Patienten und erkläre die Vor- und Nachteile,  

00:09:14: sondern ich verwende azelluläre dermale Matrizes. Ich  habe lange immer neidisch in die USA geschielt,  

00:09:21: weil es dort von der FDA zugelassen sehr  gute allogene Transplantate gab, und  

00:09:29: die ursprünglich auch gar nicht nur für  zahnmedizinische Indikationen verwendet wurden,  

00:09:34: sondern bei Brandopfern, in der Hernienchirurgie  zur Verdickung und Straffung und Festigung der  

00:09:41: Bauchdecken in der Brustrekonstruktion nach  Mammakarzinom. Deshalb war das jetzt kein  

00:09:47: Material, das irgendwo in der Zahnmedizin neu  erfunden wurde, sondern das in der Humanmedizin  

00:09:52: schon Jahrzehnte lang genutzt wurde, aber es  hatte halt keine CE-Zulassung hier bei uns.  

00:09:58: Vor vier Jahren begann, glaube ich, der Premarket  Release ungefähr im Jahr 2019 für ein porzines  

00:10:05: Material, das im gleichen Verfahren hergestellt  wird, und da habe ich mich sehr gefreut,  

00:10:13: weil ich einfach aufgrund der Datenlage  aus den amerikanischen Studien wusste,  

00:10:19: dass dermale Matrizes den prozessierten  Kollagen vor allen Dingen im Punkto  

00:10:26: Volumenerhalt möglicherweise überlegen sind. Und  wenn ich jetzt Chirurg wäre und ich müsste eine  

00:10:33: nach Tumor Brustrekonstruktion machen,  dann würde ich mich auch nicht für ein Gewebe  

00:10:36: entscheiden, das vielleicht nach 2-3 Jahren  resorbiert wäre oder mir Asymmetrien zeigt,  

00:10:40: sondern auch dort werden ja sehr stabile Gewebe  benötigt, die einfach über Jahre funktionieren,  

00:10:46: genauso wie in der Hernienchirurgie. Aus dem Grund  bin ich von meiner Erwartungshaltung auch an die  

00:10:52: porcinen zellulären dermalen Matrizes  herangetreten und habe die ersten Fälle  

00:10:59: mit gut aufgeklärten Patienten  gemacht, für die das autologe Gewebe  

00:11:07: nicht die erste Wahl war, einfach weil  sie sensitiv waren oder Angst hatten vor  

00:11:11: dem Zweiteingriff, und ich umgekehrt aber das  Weichgewebevolumen gerne haben wollte. Nachdem  

00:11:16: diese selektierten Fälle alle klinisch unauffällig  und mit guten Ergebnissen verlaufen sind,  

00:11:23: habe ich einfach meine Protokolle umgestellt,  sodass ich heute sogar sagen würde, die  

00:11:28: azelluläre dermale Matrix ist bei mir die erste  Wahl, weil ich einfach weniger Komplikationen  

00:11:33: habe. Eine Komplikation, die am Gaumen halt  auftreten kann, die nicht schlimm ist, aber  

00:11:40: für den Patienten in dem Moment sehr unschön, sind  die Nachblutungen. Die passieren ja meist nicht,  

00:11:46: wenn sie bei uns im Stuhl liegen, sondern wenn man  Pech hat, passiert es daheim oder am Wochenende,  

00:11:50: wenn wir auch nicht sofort nachversorgen können,  und das kann für einen Patienten schon ein sehr  

00:11:55: erschreckender Vorgang sein. Ich erspare mir  einfach die Entnahmemorbidität, ich habe ein  

00:12:04: unbegrenztes Weichgewebevolumen zur Verfügung, ich  kann also auch in der Rezessionsdeckung z.B. ganze  

00:12:11: Kiefer oder Full-Mouth-Rezessionsdeckung machen,  was der Gerhard Iglhaut ja auch sehr viel macht. Das  

00:12:15: wäre rein autolog nicht möglich, und beim Gerhard  weiß ich z.B. auch, dass er diese Eingriffe ja  

00:12:21: viel in ITN macht. Wenn man dann autolog arbeiten  möchte, dann müsste man den Patienten wirklich  

00:12:27: die zweite ITN auch zumuten mit zeitlicher  Verzögerung, und ich glaube, das war auch  

00:12:32: für Gerhard einer der Hauptgründe, warum er sich  sehr für das Material interessiert hat und heute  

00:12:36: auch sehr viel damit arbeitet. Er hat mich sehr  inspiriert, auch das ist ein ganz toller Mann,  

00:12:41: von dem ich da viel gelernt habe, und ich kann es  auch jedem, der sich mit dem Thema beschäftigt,  

00:12:47: wenn er in die Thematik einsteigen möchte und aus  Süddeutschland kommt, aus dem Allgäu, empfehlen,  

00:12:51: mal in Memmingen bei ihm vorbeizuschauen. Das  ist wirklich spektakulär und toll. Ich habe meine  

00:12:58: Indikationen dann langsam erweitert, sodass ich  nicht nur die Schaffung von Weichgewebevolumen und  

00:13:05: Rezessionsdeckung mit azellulärer dermaler Matrizes  als Indikation gesehen habe, sondern auch z.B.  

00:13:13: rein für kosmetische Ergebnisse die Vergrößerung  des Weichgewebevolumens bei Pontics, sodass ein  

00:13:20: Techniker z.B. keine Keramikmassen aufbrennen  muss, die das Zahnfleisch imitieren, was immer  

00:13:26: sehr schwierig ist bei hohen Lachlinien. Oder ich habe häufig auch Patienten in der  

00:13:32: Aligner-Therapie, die vor Beginn der Therapie  schon einen Engstand aufweisen, einen dünnen  

00:13:38: Phänotypus und vielleicht ein Crowding der  Unterkieferfront, und solchen Patienten  

00:13:44: empfehle ich eigentlich regelmäßig  die Weichgewebeverdickung im Rahmen  

00:13:48: von orthodontischen Behandlungen, weil es  viel leichter ist, im Vorfeld zu operieren,  

00:13:53: als wenn wir eine ausgeprägte Rezession  rekonstruieren müssen. Das sind, glaube ich,  

00:13:57: so die Indikationen, in denen ich diese  Materialien am meisten verwende. Jetzt muss ich  

00:14:02: tatsächlich noch mal ein bisschen darauf eingehen  auf die Weichgewebedicke um Implantate herum,  

00:14:08: auch das mit autologem Material oder mit der  azellulären Matrix? Also wenn ich die Wahl habe,  

00:14:16: dann nehme ich die azelluläre dermale Matrix, weil  sie dafür in meinen Händen sehr gut geeignet ist.  

00:14:21: Ähnlich wie bei autologen Materialien muss man ein  gewisses Maß an Schrumpfung einfach im Hinterkopf  

00:14:25: behalten, aber dann kann man sehr sicher das  gewünschte Weichgewebevolumen schaffen. Man  

00:14:32: kann diese Materialien, die standardmäßig mit  1 mm Dicke geliefert werden, auch mehrschichtig  

00:14:37: zusammennähen. Bis zu wie viel ist nicht geklärt,  das denke ich, ist auch interindividuell sehr  

00:14:44: unterschiedlich, aber eine zweilagige und bei  einem guten Wirt auch dreilagige Anwendung  

00:14:50: ermöglicht mir also in der Regel immer das  Weichgewebevolumen zu schaffen, das ich  

00:14:54: möchte um das Implantat herum. Meine persönliche  Untergrenze sind wirklich die 3 mm, wobei ich bei  

00:15:01: der biologischen Breite sogar lieber 4,5 mm habe.  Das heißt, wenn ich mehr schaffen kann, schaffe  

00:15:06: ich auch eine größere Dicke oder ich kombiniere  es mit leicht subkrestal gesetzten Implantaten,  

00:15:12: um einfach diese 3,5 bis 4,5 mm dauerhaft  gewährleisten zu können. Das macht es prothetisch  

00:15:19: auch für den Kollegen, der die Prothetik  macht, leichter. Das bin ich oft selber,  

00:15:23: also da lege ich mir wirklich gerne den Ball dann  auf den Elfmeterpunkt. Wenn man 1,4 mm hat, um ein  

00:15:29: molaren Emergenzprofil aus einem 4,3 mm Implantat  zu entwickeln, dann ist es schwierig. Wenn man 4,5  

00:15:36: mm hat, dann hat man ein sehr leichtes Spiel. Der  prothetische Elfmeter ist es praktisch, wenn das  

00:15:43: Implantat gut steht, das Weichgewebevolumen toll  ist, dann kann man in der Regel sehr vorhersagbar  

00:15:49: auch sehr schöne prothetische Ergebnisse, die  langzeitstabil sind, darstellen. Wenn ich schaffe,  

00:15:54: mir also mindestens 3 mm Weichgewebevolumen, das  habe ich im Unterkiefer in der Regel nie, und dann  

00:16:01: gerne auch mehr oder eventuell auch subkrestal  gesetzte Implantate. Also wenn mich jetzt jemand  

00:16:06: fragen würde, du kannst 3,5 mm haben oder 4,5  mm, würde ich die 4,5 mm nehmen und zielen tue  

00:16:13: ich immer auf die 4 mm. Ich weiß natürlich,  dass ich chirurgisch und auch einfach durch  

00:16:16: Schrumpfungsprozesse und ähnliches ein bisschen  verlieren kann. Also wo meine Schmerzgrenze ist,  

00:16:23: sind wirklich die 3 mm, weil wenn es da nicht  gut läuft, ich bekomme meine Infektion rein,  

00:16:28: dann verliere ich Knochen, ich bekomme vielleicht  auch eine Weichgewebsrezession am Implantat und  

00:16:34: die ist sehr, sehr schwierig zu rekonstruieren.  Und wie sieht's dann mit der Farbe aus, wenn du  

00:16:38: da so viel Weichgewebe aufbaust mit irgendwelchen  Materialien? Bleibt die Farbe stabil, gleicht die  

00:16:47: sich an? Eine azelluläre dermale Matrix bringt  praktisch ja nicht ihre eigene Genetik mit,  

00:16:53: die ist ja vorher entfernt worden, damit  wir auch keine Antigen-Antikörper-Reaktion  

00:16:57: in den Patienten sehen. Man würde das umgangssprachlich  

00:16:59: als Abstoßungsreaktion bezeichnen würde. Das heißt,  dadurch, dass wir keine fremde Genetik reinbringen,  

00:17:06: ist sie sehr unauffällig, was sie im direkten  Vergleich zu Gaumentransplantaten sogar  

00:17:12: schöner machen kann. Der Gaumen hat eine höhere  Keratinisierung als z.B. die Weichgewebe in der  

00:17:18: Regel im Unterkiefer, und jeder, der regelmäßig  mal freie Schleimhauttransplantate verwendet,  

00:17:25: weiß, dass das Gewebe deutlich heller wird  durch den höheren Keratinisierungsgrad als das  

00:17:31: ortständige Gewebe, wenn man das z.B.  in der Unterkieferfront verwendet.  

00:17:36: Selbst wenn man Bindegewebstransplantate  auch in der Rezessionsdeckung verwendet,  

00:17:42: dadurch dass wir die Gaumengenetik  transferieren an den neuen Empfängerort,  

00:17:47: kann es im Laufe der Zeit dazu kommen, dass das  Gewebe heller imponiert. Für mich jetzt so als  

00:17:55: praktisch tätiger Zahnarzt bedeutet dies,  dass wenn ich Gaumengewebe transplantiere,  

00:18:00: gerade in der ästhetischen Zone, ich versuche,  sie symmetrisch zu transplantieren, einfach damit  

00:18:07: für den Einzelnen vor dem Spiegel keine  Farbunterschiede sichtbar sind. Das Auge  

00:18:11: ist sehr genau, um Asymmetrien zu detektieren,  und das Problem umgehe ich bei der azellulären  

00:18:18: dermalen Matrix. Auch die Untersuchung z.B.  von Arndt Happe konnte nachweisen, dass wir einen  

00:18:24: sehr guten Pink Aesthetic Score erreichen können  mit der dermalen Matrix. Manche Anwender, die das  

00:18:29: ja viel verwenden, finden sie sogar überlegen  dem autologen Gewebe, einfach aufgrund dessen,  

00:18:34: dass wir nicht nur ortsfremde Genetik an den  Empfänger transplantieren. Du hast genau zu diesem  

00:18:40: Thema eine aktuelle Studie initiiert: azelluläre  dermale Matrizes und Weichgewebeverdickung. Kannst  

00:18:49: du uns irgendwelche Ergebnisse schon, sie noch nicht veröffentlicht, zu dieser  

00:18:53: Studie sagen? Das ist eine kleine Fallserie von 22  Patienten ohne Kontrollgruppe, aber dafür aus der  

00:19:01: Praxis und nicht aus dem universitären Setting,  was ich selber manchmal sehr spannend finde, weil  

00:19:05: die nicht eins zu eins vergleichbar sind, allein  durch die Patientenselektion. Ich mache es häufig,  

00:19:12: dass ich, wenn ich Biomaterialien verwende, mir  wirklich histologisch anschaue mit Experten,  

00:19:17: die das für mich viel besser beurteilen können  als ich das dann kann. Das macht bis jetzt, vielen  

00:19:23: lieben Dank dafür, immer der Werner Götz aus Bonn,  der jetzt in Krems unterrichtet, weil mich doch  

00:19:29: wahnsinnig interessiert, was passiert mit diesen  Materialien, wie sicher sind die für Patienten.  

00:19:35: Ich trage eine große Verantwortung den Patienten  gegenüber, wenn ich Ersatzmaterialien verwende,  

00:19:40: und der möchte ich irgendwo gerecht werden.  Auf der anderen Seite kann ich natürlich keine  

00:19:48: Dinge machen, die den Patienten verletzen würden  oder sein späteres OP-Ergebnis irgendwo in Frage  

00:19:54: stellen würden. Drum war die Voraussetzung  in der Studie, dass für Patienten, die eine  

00:20:01: ausreichende Zone keratinisierter Gingiva um und  attachierte Gingiva um Implantate herum hatten,  

00:20:07: aber eine Indikation zur Weichgewebeverdickung,  dass wir zeitgleich implantiert und die Verdickung  

00:20:15: des Weichgewebes durchgeführt haben. Dann  zum Freilegungszeitpunkt mit einem Punch den  

00:20:20: Zugang zum Implantat dargestellt haben und dann,  statt den Punchstand zu verwerfen, haben wir ihn  

00:20:25: nachuntersucht und haben die üblichen klinischen  Untersuchungen, die wir in der Praxis durchführen:  

00:20:30: Wie viel Weichgewebe haben wir erreicht, wie viel  hatten wir vorher, wie viel haben wir hinterher  

00:20:33: gehabt, haben wir nachuntersucht. Die wichtigsten  Ergebnisse sind eigentlich, dass wir im klinischen  

00:20:40: Verlauf keine adversen Reaktionen gesehen haben.  Wir haben also normale Wundheilungsverläufe,  

00:20:44: wie wir sie auch mit autologen Materialien gesehen  hätten, gesehen. Wir haben in der Histologie keine  

00:20:52: Fremdkörperreaktion oder Ähnliches gefunden  und wir konnten auch keine Bereiche darstellen,  

00:20:57: die z.B. minder durchblutet waren oder  ähnliches. Also das, was wir sehen wollen,  

00:21:02: wenn wir transplantieren, ist immer, dass  wir hinterher gut durchblutetes Gewebe haben,  

00:21:06: das möglichst wenig oder gar nichts sich vom  ortständigen Gewebe unterscheidet und eine  

00:21:12: hohe Physiologie aufweist. Das war das, was wir  praktisch histologisch auch nachweisen konnten.  

00:21:17: Mein Entnahmezeitpunkt war relativ spät, auch im  Vergleich zu anderen Studien, die jetzt kommen. Es  

00:21:24: war ein sehr konservatives Einheilungsprotokoll,  gedeckt mit Heilzeit in der Regel von 4 bis 5  

00:21:30: Monaten. Da konnten wir das Material praktisch  gar nicht mehr nachweisen. Aus etwas früheren  

00:21:37: Histologien wusste ich, dass wir selbst nach 6  bis 8 Wochen nahezu kein Transplantatmaterial  

00:21:44: nachweisen können, das einfach vollständig  bis-integriert wird. Klinisch finde ich ganz  

00:21:48: spannend, wenn man das Material z.B. auch in der  Rezessionsdeckung verwendet, dass man es bei sehr  

00:21:54: dünnen Phänotypen häufig durchschimmern sieht,  ungefähr so 3 bis 4 Wochen lang, und dann nimmt  

00:22:00: es die Farbe des ortständigen Gewebes an, einfach  weil die Angiogenese das Gewebe dann vollständig  

00:22:05: erschlossen hat und die Durchblutung und die  Perfusion läuft. Das kann man wirklich als  

00:22:10: Kliniker optisch dann auch sehen. Das ist sehr  interessant, gerade in der Unterkieferfront.  

00:22:15: Schöne Erkenntnisse, vielen Dank Andreas.  Ich danke dir, vielen Dank für deine Zeit.

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