Episode 7: Wie viel Weichgewebe braucht ein Implantat?
Shownotes
Bislang galt das Bindegewebstransplantat als Goldstandard für ein Plus an Weichgewebe rund um Implantate. Die bisherigen Erfahrungen mit xenogenen Materialien lassen den Schluss zu, dass sie eine gute Alternative sein können. Andreas van Orten, Zahnarzt aus Paderborn, skizziert die Vorteile des Einsatzes azellulärer dermaler Matrices zur Vergrößerung des Weichgewebevolumens gleich in unterschiedlichen Indikationen. Inzwischen setzt er die xenogene Alternative nicht nur in der Rezessionsdeckung ein, sondern auch nach der Alignertherapie und zur ästhetischen Brückengestaltung (Pontic). Aufgrund der Vermeidung der Entnahmemorbidität und unlimitierten Verfügbarkeit hat er seine „Protokolle umgestellt“. „Sodass ich heute sagen würde, die azelluläre dermale Matrix ist bei mir die erste Wahl, weil ich einfach weniger Komplikationen habe“, begründet Andreas van Orten.
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Transkript anzeigen
00:00:03: Für den Langzeiterfolg der Implantate scheint die Qualität, eventuell auch die Quantität,
00:00:08: der periimplantären Weichgewebe eine maßgebliche Bedeutung zu haben. Wir sprechen heute mit
00:00:13: Andreas von Orten, Zahnarzt, Spezialist für Implantologie, Master of Science Implantologie
00:00:20: und Parodontologie aus Paderborn, zum Thema: Wie viel Weichgewebe braucht ein Implantat? Andy,
00:00:26: ich freue mich total, dass du dich heute unseren Fragen stellst. Ich danke dir
00:00:30: für deine Zeit, ich freue mich sehr. Dann starten wir doch gleich mit der ersten Frage:
00:00:34: Welche Weichgewebecharakteristiken favorisierst du periimplantär? Ich
00:00:39: orientiere mich an einer Konsensusempfehlung, die gemeinsam veröffentlicht wurde von der DGI,
00:00:45: der SEPA und der Osteology vor zwei Jahren. Chairs waren Frank Schwarz und Mariano Sanz,
00:00:52: und die Konsensusempfehlung empfiehlt die Erwägung der Schaffung von mindestens 2 mm keratinisiertem und getachter
00:01:01: Gewebe periimplantär, wenn sie nicht vorhanden sind, und auch eine ausreichende Vestibulumtiefe.
00:01:07: Das zweite, was ich mir wünsche, wo wir noch nicht so ganz klare Konsensusempfehlungen haben,
00:01:12: ist ein ausreichendes Weichgewebevolumen. Da haben wir einfach in den letzten fünf Jahren
00:01:17: doch relativ viele Daten bekommen, z.B. von Stefan Fickel, von Thomas Linkevicius, von Monika Puzio,
00:01:28: und es scheint sich doch herauszukristallisieren, dass wir in einem deutlich erhöhten Maß marginalen
00:01:35: Knochenverlust nach der Insertion erwarten müssen, wenn wir Weichgewebevolumen haben,
00:01:41: das 3 mm unterschreitet. Das ist für mich die Grenze, die ich eigentlich in keinem
00:01:46: Fall unterschreiten möchte. Teilweise kann man sie kompensieren durch das tiefere Inserieren
00:01:53: von Implantaten, möglicherweise. Das heißt, die Insertionstiefe hat auf die notwendige
00:01:58: Weichgewebedicke einen riesigen Einfluss? Ich denke schon über die biologische Breite. Wir
00:02:03: wissen heute, dass die biologische Breite kein fester Zahlenwert ist. Der ist interindividuell
00:02:09: und teilweise auch intraindividuell unterschiedlich, abhängig vom Implantattyp und
00:02:16: möglicherweise auch abhängig davon, in welchem Kiefer es gesetzt wird. Die biologische Breite,
00:02:22: wenn man sich jetzt an Veröffentlichungen orientiert, z.B. von Ramon Gomez-Meda,
00:02:28: beträgt idealerweise wahrscheinlich zwischen dreieinhalb und viereinhalb mm. Und wenn ich meine
00:02:35: Implantate subkrestal platzieren kann, benötige ich möglicherweise weniger Weichgewebevolumen,
00:02:43: aber grundsätzlich unterschreite ich ungern die Weichgewebedicke von 3 mm.
00:02:49: Du hast gerade die Implantatkonfiguration angesprochen. Welche Implantatkonfiguration bevorzugst
00:02:55: du? Also ich persönlich verwende seit 20 oder über 20 Jahren in 99% der Fälle eine
00:03:05: konische Implantat-Abutment-Verbindung und Bone-Level-Implantate. Ich finde
00:03:11: Tissue-Level-Implantate haben einen wahnsinnigen Charme, aber einfach aus Praktikabilitätsgründen
00:03:18: arbeite ich in der Regel ausschließlich mit Bone-Level-Implantaten.
00:03:22: Wenn du jetzt die Implantate so tief inserierst, wie gestaltest du dann die Abutments oder
00:03:29: gestalten deine Techniker? Sehr schön beschrieben hat es wirklich Gomez-Meda in einer Arbeit,
00:03:36: die 2021 veröffentlicht hat. Er hat es das "Aesthetic Biological Contour Concept" genannt,
00:03:44: und in ähnliche Richtung gehen das "Umbrella Concept" oder bei Bone-Level gesetzten.
00:03:50: Implantaten das C-Shape oder Concave Konzept und die Gestaltung der Abutments im Emergenzprofil sollte möglichst
00:04:03: in den Bereichen, wo man Platform geswitcht hat und knochennahe ist, parallel entwickelt werden
00:04:08: und erst in den Bereichen, wo wir jetzt ein bisschen Englisch haben, wo wir ein junctional
00:04:14: epithelium vorliegen haben, würde ich dann anfangen, das Emergenzprofil zu entwickeln.
00:04:20: Vom Material her wäre mein Material der Wahl in den kortikalen Bereichen Titan, das wir praktisch
00:04:29: patientenindividuelle Titan-Klebebasen anfertigen, auf die wir dann Zirkon kleben, entweder als
00:04:36: Intermediärstruktur, wenn wir in hochästhetische Bereiche wollen, oder der Behandler vielleicht
00:04:43: auch eine Lithiumdisilikat-Krone einsetzen will. Aber dort, wo ich in direkten Schleimhautkontakt
00:04:48: trete, mag ich am liebsten Zirkon. Und wie muss es dann gestaltet sein, wie muss das
00:04:55: ausgearbeitet sein, dieses Zirkon? Da gibt es unterschiedliche Empfehlungen, also wo sich
00:05:01: meines Wissens nach alle sehr einig sind, ist, dass wir das Zirkon nicht mit Glasurmassen oder
00:05:07: Glaskeramiken oder Glaze ähnlichen Komponenten bemalen sollten, sondern es sollte wirklich reines
00:05:13: Zirkon sein. Wo unterschiedliche Behandler sehr erfolgreiche Konzepte parallel noch fahren, also
00:05:22: ich würde da gern zitieren den Arndt Happe, der für eine gewisse Mikrorauigkeit plädiert, auf der anderen
00:05:27: Seite vielleicht die Schule von Tomas Linkevičius, die wirklich hochglanzpoliertes Zirkon favorisieren.
00:05:34: Dem würde ich mich anschließen. Das heißt, du machst beides, sowohl als auch
00:05:40: indikationsabhängig, oder hast du... äh, ich habe mich aus Praktikabilitätsgründen für den Hochglanz
00:05:46: entschieden, weil ich denke, es ist, wenn man mit unterschiedlichen Technikern arbeitet,
00:05:51: leichter zu vermitteln und der ist für mich leichter kontrollierbar. Okay, und
00:05:55: äh, in meinen eigenen Händen funktioniert es sehr gut, wenn ich die Nachkontrollen mache,
00:06:02: dass ich also sehr glücklich bin mit der Anlagerung der Weichgewebe an originär
00:06:07: belassenes aber hochglanzpoliertes Zirkon. Wie machst du die Nachkontrollen? Klinisch inspiziere
00:06:16: ich das Ganze natürlich zuerst optisch und meine Lieblingssonde ist eine Kunststoff-Parodontal Pro
00:06:25: mit Millimeter-Markierung und dann sondiere ich mit ganz, ganz wenig Krafteinwirkung,
00:06:31: so praktisch nur das Eigengewicht der Sonde, wenn nötig. Patienten sind doch schmerzsensitiver, wenn
00:06:40: man um Implantate sondiert als um Zähne herum, und auch dort gibt es aktuell keinen Konsensus. Also
00:06:48: wenn man jetzt z.B. einen Key Opinion Leader wie Jan Derks fragt, der sondiert praktisch
00:06:54: in jeder routinemäßigen Nachkontrolle bis hin zu Leuten, die sagen, besser nicht sondieren, um den
00:07:01: biologischen Seal nicht zu beschädigen. Und ich bin irgendwo so mittendrin. Also wenn ich einen
00:07:06: Patienten habe, der sehr, sehr engmaschig und vielleicht auch erst kurzfristig versorgt wurde
00:07:12: und der kommt gerade aus der Prophylaxe und wurde dort von der Dentalhygienikerin nachuntersucht,
00:07:19: dann sondiere ich nicht regelmäßig. Wenn ich Rötung sehe, wenn ein Patient Unannehmlichkeiten
00:07:26: beschreibt, dann ist das Sondieren eine der ersten Maßnahmen, die ich ergreife, um zu schauen,
00:07:30: ob eine Mukositis oder im schlimmsten Fall auch vielleicht eine Periimplantitis vorliegt. Jetzt
00:07:35: musst du Weichgewebe ja irgendwie kreieren. Welche chirurgischen Eingriffe wendest du da an?
00:07:41: Der Eingriff, den ich wahrscheinlich am häufigsten mache, ist die Vermehrung des Weichgewebevolumens
00:07:49: klassisch mit autologen Geweben, und die haben natürlich immer den Nachteil,
00:07:55: dass man nicht unbegrenzt Weichgewebevolumen zur Verfügung hat. Wenn es größere Eingriffe werden
00:08:00: oder auch wenn man Rezessionsdeckung z.B. macht, dann limitiert oft einfach das Weichgewebevolumen,
00:08:06: das man im Gaumen z.B. vorfindet. Der zweite Eingriff ist wirklich die Schaffung von
00:08:13: attachtem und möglichst keratinisiertem Gewebe, und die würde ich auch unabhängig voneinander
00:08:18: betrachten. Die Schaffung von keratinisiertem attachtem Gewebe mache ich am liebsten mit
00:08:24: nach apikal verschobenen Lappen und einem freien Schleimhauttransplantat. Die Entnahmemorbidität
00:08:30: von freien Schleimhauttransplantaten schätze ich persönlich und auch das Gros der Patienten,
00:08:38: die ich behandelt habe, als geringer ein als die Entnahme von größeren Bindegewebstransplantaten,
00:08:44: weil wir doch nur eine kleine Schürfwunde haben. Ich nehme es gerne mit einem Mukotom (Dermatom bei
00:08:50: den Hautärzten), und dann habe ich wirklich eine definierte Entnahmetiefe von einem Millimeter,
00:08:56: die sehr schnell zugranuliert, während wenn ich Bindegewebe oder Bindegewebsersatz brauche und
00:09:03: das auch noch in einem größeren Volumen, ist mein Standardeingriff heute nicht mehr das
00:09:08: autologe Gewebe. Bzw. ich bespreche das mit den Patienten und erkläre die Vor- und Nachteile,
00:09:14: sondern ich verwende azelluläre dermale Matrizes. Ich habe lange immer neidisch in die USA geschielt,
00:09:21: weil es dort von der FDA zugelassen sehr gute allogene Transplantate gab, und
00:09:29: die ursprünglich auch gar nicht nur für zahnmedizinische Indikationen verwendet wurden,
00:09:34: sondern bei Brandopfern, in der Hernienchirurgie zur Verdickung und Straffung und Festigung der
00:09:41: Bauchdecken in der Brustrekonstruktion nach Mammakarzinom. Deshalb war das jetzt kein
00:09:47: Material, das irgendwo in der Zahnmedizin neu erfunden wurde, sondern das in der Humanmedizin
00:09:52: schon Jahrzehnte lang genutzt wurde, aber es hatte halt keine CE-Zulassung hier bei uns.
00:09:58: Vor vier Jahren begann, glaube ich, der Premarket Release ungefähr im Jahr 2019 für ein porzines
00:10:05: Material, das im gleichen Verfahren hergestellt wird, und da habe ich mich sehr gefreut,
00:10:13: weil ich einfach aufgrund der Datenlage aus den amerikanischen Studien wusste,
00:10:19: dass dermale Matrizes den prozessierten Kollagen vor allen Dingen im Punkto
00:10:26: Volumenerhalt möglicherweise überlegen sind. Und wenn ich jetzt Chirurg wäre und ich müsste eine
00:10:33: nach Tumor Brustrekonstruktion machen, dann würde ich mich auch nicht für ein Gewebe
00:10:36: entscheiden, das vielleicht nach 2-3 Jahren resorbiert wäre oder mir Asymmetrien zeigt,
00:10:40: sondern auch dort werden ja sehr stabile Gewebe benötigt, die einfach über Jahre funktionieren,
00:10:46: genauso wie in der Hernienchirurgie. Aus dem Grund bin ich von meiner Erwartungshaltung auch an die
00:10:52: porcinen zellulären dermalen Matrizes herangetreten und habe die ersten Fälle
00:10:59: mit gut aufgeklärten Patienten gemacht, für die das autologe Gewebe
00:11:07: nicht die erste Wahl war, einfach weil sie sensitiv waren oder Angst hatten vor
00:11:11: dem Zweiteingriff, und ich umgekehrt aber das Weichgewebevolumen gerne haben wollte. Nachdem
00:11:16: diese selektierten Fälle alle klinisch unauffällig und mit guten Ergebnissen verlaufen sind,
00:11:23: habe ich einfach meine Protokolle umgestellt, sodass ich heute sogar sagen würde, die
00:11:28: azelluläre dermale Matrix ist bei mir die erste Wahl, weil ich einfach weniger Komplikationen
00:11:33: habe. Eine Komplikation, die am Gaumen halt auftreten kann, die nicht schlimm ist, aber
00:11:40: für den Patienten in dem Moment sehr unschön, sind die Nachblutungen. Die passieren ja meist nicht,
00:11:46: wenn sie bei uns im Stuhl liegen, sondern wenn man Pech hat, passiert es daheim oder am Wochenende,
00:11:50: wenn wir auch nicht sofort nachversorgen können, und das kann für einen Patienten schon ein sehr
00:11:55: erschreckender Vorgang sein. Ich erspare mir einfach die Entnahmemorbidität, ich habe ein
00:12:04: unbegrenztes Weichgewebevolumen zur Verfügung, ich kann also auch in der Rezessionsdeckung z.B. ganze
00:12:11: Kiefer oder Full-Mouth-Rezessionsdeckung machen, was der Gerhard Iglhaut ja auch sehr viel macht. Das
00:12:15: wäre rein autolog nicht möglich, und beim Gerhard weiß ich z.B. auch, dass er diese Eingriffe ja
00:12:21: viel in ITN macht. Wenn man dann autolog arbeiten möchte, dann müsste man den Patienten wirklich
00:12:27: die zweite ITN auch zumuten mit zeitlicher Verzögerung, und ich glaube, das war auch
00:12:32: für Gerhard einer der Hauptgründe, warum er sich sehr für das Material interessiert hat und heute
00:12:36: auch sehr viel damit arbeitet. Er hat mich sehr inspiriert, auch das ist ein ganz toller Mann,
00:12:41: von dem ich da viel gelernt habe, und ich kann es auch jedem, der sich mit dem Thema beschäftigt,
00:12:47: wenn er in die Thematik einsteigen möchte und aus Süddeutschland kommt, aus dem Allgäu, empfehlen,
00:12:51: mal in Memmingen bei ihm vorbeizuschauen. Das ist wirklich spektakulär und toll. Ich habe meine
00:12:58: Indikationen dann langsam erweitert, sodass ich nicht nur die Schaffung von Weichgewebevolumen und
00:13:05: Rezessionsdeckung mit azellulärer dermaler Matrizes als Indikation gesehen habe, sondern auch z.B.
00:13:13: rein für kosmetische Ergebnisse die Vergrößerung des Weichgewebevolumens bei Pontics, sodass ein
00:13:20: Techniker z.B. keine Keramikmassen aufbrennen muss, die das Zahnfleisch imitieren, was immer
00:13:26: sehr schwierig ist bei hohen Lachlinien. Oder ich habe häufig auch Patienten in der
00:13:32: Aligner-Therapie, die vor Beginn der Therapie schon einen Engstand aufweisen, einen dünnen
00:13:38: Phänotypus und vielleicht ein Crowding der Unterkieferfront, und solchen Patienten
00:13:44: empfehle ich eigentlich regelmäßig die Weichgewebeverdickung im Rahmen
00:13:48: von orthodontischen Behandlungen, weil es viel leichter ist, im Vorfeld zu operieren,
00:13:53: als wenn wir eine ausgeprägte Rezession rekonstruieren müssen. Das sind, glaube ich,
00:13:57: so die Indikationen, in denen ich diese Materialien am meisten verwende. Jetzt muss ich
00:14:02: tatsächlich noch mal ein bisschen darauf eingehen auf die Weichgewebedicke um Implantate herum,
00:14:08: auch das mit autologem Material oder mit der azellulären Matrix? Also wenn ich die Wahl habe,
00:14:16: dann nehme ich die azelluläre dermale Matrix, weil sie dafür in meinen Händen sehr gut geeignet ist.
00:14:21: Ähnlich wie bei autologen Materialien muss man ein gewisses Maß an Schrumpfung einfach im Hinterkopf
00:14:25: behalten, aber dann kann man sehr sicher das gewünschte Weichgewebevolumen schaffen. Man
00:14:32: kann diese Materialien, die standardmäßig mit 1 mm Dicke geliefert werden, auch mehrschichtig
00:14:37: zusammennähen. Bis zu wie viel ist nicht geklärt, das denke ich, ist auch interindividuell sehr
00:14:44: unterschiedlich, aber eine zweilagige und bei einem guten Wirt auch dreilagige Anwendung
00:14:50: ermöglicht mir also in der Regel immer das Weichgewebevolumen zu schaffen, das ich
00:14:54: möchte um das Implantat herum. Meine persönliche Untergrenze sind wirklich die 3 mm, wobei ich bei
00:15:01: der biologischen Breite sogar lieber 4,5 mm habe. Das heißt, wenn ich mehr schaffen kann, schaffe
00:15:06: ich auch eine größere Dicke oder ich kombiniere es mit leicht subkrestal gesetzten Implantaten,
00:15:12: um einfach diese 3,5 bis 4,5 mm dauerhaft gewährleisten zu können. Das macht es prothetisch
00:15:19: auch für den Kollegen, der die Prothetik macht, leichter. Das bin ich oft selber,
00:15:23: also da lege ich mir wirklich gerne den Ball dann auf den Elfmeterpunkt. Wenn man 1,4 mm hat, um ein
00:15:29: molaren Emergenzprofil aus einem 4,3 mm Implantat zu entwickeln, dann ist es schwierig. Wenn man 4,5
00:15:36: mm hat, dann hat man ein sehr leichtes Spiel. Der prothetische Elfmeter ist es praktisch, wenn das
00:15:43: Implantat gut steht, das Weichgewebevolumen toll ist, dann kann man in der Regel sehr vorhersagbar
00:15:49: auch sehr schöne prothetische Ergebnisse, die langzeitstabil sind, darstellen. Wenn ich schaffe,
00:15:54: mir also mindestens 3 mm Weichgewebevolumen, das habe ich im Unterkiefer in der Regel nie, und dann
00:16:01: gerne auch mehr oder eventuell auch subkrestal gesetzte Implantate. Also wenn mich jetzt jemand
00:16:06: fragen würde, du kannst 3,5 mm haben oder 4,5 mm, würde ich die 4,5 mm nehmen und zielen tue
00:16:13: ich immer auf die 4 mm. Ich weiß natürlich, dass ich chirurgisch und auch einfach durch
00:16:16: Schrumpfungsprozesse und ähnliches ein bisschen verlieren kann. Also wo meine Schmerzgrenze ist,
00:16:23: sind wirklich die 3 mm, weil wenn es da nicht gut läuft, ich bekomme meine Infektion rein,
00:16:28: dann verliere ich Knochen, ich bekomme vielleicht auch eine Weichgewebsrezession am Implantat und
00:16:34: die ist sehr, sehr schwierig zu rekonstruieren. Und wie sieht's dann mit der Farbe aus, wenn du
00:16:38: da so viel Weichgewebe aufbaust mit irgendwelchen Materialien? Bleibt die Farbe stabil, gleicht die
00:16:47: sich an? Eine azelluläre dermale Matrix bringt praktisch ja nicht ihre eigene Genetik mit,
00:16:53: die ist ja vorher entfernt worden, damit wir auch keine Antigen-Antikörper-Reaktion
00:16:57: in den Patienten sehen. Man würde das umgangssprachlich
00:16:59: als Abstoßungsreaktion bezeichnen würde. Das heißt, dadurch, dass wir keine fremde Genetik reinbringen,
00:17:06: ist sie sehr unauffällig, was sie im direkten Vergleich zu Gaumentransplantaten sogar
00:17:12: schöner machen kann. Der Gaumen hat eine höhere Keratinisierung als z.B. die Weichgewebe in der
00:17:18: Regel im Unterkiefer, und jeder, der regelmäßig mal freie Schleimhauttransplantate verwendet,
00:17:25: weiß, dass das Gewebe deutlich heller wird durch den höheren Keratinisierungsgrad als das
00:17:31: ortständige Gewebe, wenn man das z.B. in der Unterkieferfront verwendet.
00:17:36: Selbst wenn man Bindegewebstransplantate auch in der Rezessionsdeckung verwendet,
00:17:42: dadurch dass wir die Gaumengenetik transferieren an den neuen Empfängerort,
00:17:47: kann es im Laufe der Zeit dazu kommen, dass das Gewebe heller imponiert. Für mich jetzt so als
00:17:55: praktisch tätiger Zahnarzt bedeutet dies, dass wenn ich Gaumengewebe transplantiere,
00:18:00: gerade in der ästhetischen Zone, ich versuche, sie symmetrisch zu transplantieren, einfach damit
00:18:07: für den Einzelnen vor dem Spiegel keine Farbunterschiede sichtbar sind. Das Auge
00:18:11: ist sehr genau, um Asymmetrien zu detektieren, und das Problem umgehe ich bei der azellulären
00:18:18: dermalen Matrix. Auch die Untersuchung z.B. von Arndt Happe konnte nachweisen, dass wir einen
00:18:24: sehr guten Pink Aesthetic Score erreichen können mit der dermalen Matrix. Manche Anwender, die das
00:18:29: ja viel verwenden, finden sie sogar überlegen dem autologen Gewebe, einfach aufgrund dessen,
00:18:34: dass wir nicht nur ortsfremde Genetik an den Empfänger transplantieren. Du hast genau zu diesem
00:18:40: Thema eine aktuelle Studie initiiert: azelluläre dermale Matrizes und Weichgewebeverdickung. Kannst
00:18:49: du uns irgendwelche Ergebnisse schon, sie noch nicht veröffentlicht, zu dieser
00:18:53: Studie sagen? Das ist eine kleine Fallserie von 22 Patienten ohne Kontrollgruppe, aber dafür aus der
00:19:01: Praxis und nicht aus dem universitären Setting, was ich selber manchmal sehr spannend finde, weil
00:19:05: die nicht eins zu eins vergleichbar sind, allein durch die Patientenselektion. Ich mache es häufig,
00:19:12: dass ich, wenn ich Biomaterialien verwende, mir wirklich histologisch anschaue mit Experten,
00:19:17: die das für mich viel besser beurteilen können als ich das dann kann. Das macht bis jetzt, vielen
00:19:23: lieben Dank dafür, immer der Werner Götz aus Bonn, der jetzt in Krems unterrichtet, weil mich doch
00:19:29: wahnsinnig interessiert, was passiert mit diesen Materialien, wie sicher sind die für Patienten.
00:19:35: Ich trage eine große Verantwortung den Patienten gegenüber, wenn ich Ersatzmaterialien verwende,
00:19:40: und der möchte ich irgendwo gerecht werden. Auf der anderen Seite kann ich natürlich keine
00:19:48: Dinge machen, die den Patienten verletzen würden oder sein späteres OP-Ergebnis irgendwo in Frage
00:19:54: stellen würden. Drum war die Voraussetzung in der Studie, dass für Patienten, die eine
00:20:01: ausreichende Zone keratinisierter Gingiva um und attachierte Gingiva um Implantate herum hatten,
00:20:07: aber eine Indikation zur Weichgewebeverdickung, dass wir zeitgleich implantiert und die Verdickung
00:20:15: des Weichgewebes durchgeführt haben. Dann zum Freilegungszeitpunkt mit einem Punch den
00:20:20: Zugang zum Implantat dargestellt haben und dann, statt den Punchstand zu verwerfen, haben wir ihn
00:20:25: nachuntersucht und haben die üblichen klinischen Untersuchungen, die wir in der Praxis durchführen:
00:20:30: Wie viel Weichgewebe haben wir erreicht, wie viel hatten wir vorher, wie viel haben wir hinterher
00:20:33: gehabt, haben wir nachuntersucht. Die wichtigsten Ergebnisse sind eigentlich, dass wir im klinischen
00:20:40: Verlauf keine adversen Reaktionen gesehen haben. Wir haben also normale Wundheilungsverläufe,
00:20:44: wie wir sie auch mit autologen Materialien gesehen hätten, gesehen. Wir haben in der Histologie keine
00:20:52: Fremdkörperreaktion oder Ähnliches gefunden und wir konnten auch keine Bereiche darstellen,
00:20:57: die z.B. minder durchblutet waren oder ähnliches. Also das, was wir sehen wollen,
00:21:02: wenn wir transplantieren, ist immer, dass wir hinterher gut durchblutetes Gewebe haben,
00:21:06: das möglichst wenig oder gar nichts sich vom ortständigen Gewebe unterscheidet und eine
00:21:12: hohe Physiologie aufweist. Das war das, was wir praktisch histologisch auch nachweisen konnten.
00:21:17: Mein Entnahmezeitpunkt war relativ spät, auch im Vergleich zu anderen Studien, die jetzt kommen. Es
00:21:24: war ein sehr konservatives Einheilungsprotokoll, gedeckt mit Heilzeit in der Regel von 4 bis 5
00:21:30: Monaten. Da konnten wir das Material praktisch gar nicht mehr nachweisen. Aus etwas früheren
00:21:37: Histologien wusste ich, dass wir selbst nach 6 bis 8 Wochen nahezu kein Transplantatmaterial
00:21:44: nachweisen können, das einfach vollständig bis-integriert wird. Klinisch finde ich ganz
00:21:48: spannend, wenn man das Material z.B. auch in der Rezessionsdeckung verwendet, dass man es bei sehr
00:21:54: dünnen Phänotypen häufig durchschimmern sieht, ungefähr so 3 bis 4 Wochen lang, und dann nimmt
00:22:00: es die Farbe des ortständigen Gewebes an, einfach weil die Angiogenese das Gewebe dann vollständig
00:22:05: erschlossen hat und die Durchblutung und die Perfusion läuft. Das kann man wirklich als
00:22:10: Kliniker optisch dann auch sehen. Das ist sehr interessant, gerade in der Unterkieferfront.
00:22:15: Schöne Erkenntnisse, vielen Dank Andreas. Ich danke dir, vielen Dank für deine Zeit.
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