Episode 6: Primärstabilität und krestaler Knochenerhalt
Shownotes
Die Implantation eines Zahnimplantats ist ein mechanischer Vorgang in ein komplexes biologisches System. Der Weg von der Primär- zur Sekundärstabilität ist spannend und bietet hinsichtlich der knöchernen Integrität des Implantats viel Gesprächsstoff. Dr. Jörg Martin Ruppin stützt sich zur Beurteilung der für eine Sofortbelastung notwendigen Primärstabilität nicht nur auf das Eindrehmoment, sondern auch auf den ISQ-Wert, und folgt diesbezüglich klaren Empfehlungen. Er verfügt über umfangreiche praktische Erfahrungen mit PROGRESSIVE-LINE Implantaten und hat eine eigene Studie unter Verwendung dieses Implantatdesigns initiiert. Sein besonderes Interesse galt dem krestalen Knochenerhalt nach abgeschlossener Einheilung. Eine Finite-Elemente-Analyse stützt die guten klinischen Erfahrungen mit diesem Implantattyp hinsichtlich dieses Aspekts.
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00:00:04: Die Implantation eines Zahnimplantats ist ein mechanischer Vorgang in ein
00:00:08: komplexes biologisches System. Der Weg von der Primär- zu Sekundärstabilität ist
00:00:13: spannend und darüber unterhalten wir uns heute mit Dr. Jörg Martin Ruppin. Jörg,
00:00:18: du bist Oralchirurg in eigener Praxis in Penzberg und wir steigen mal mit der ersten Frage ein:
00:00:25: Welche Mindestprimärstabilität setzt du für eine Sofortversorgung bzw. Sofortbelastung voraus? Hier
00:00:31: reden wir jetzt noch mal ganz kurz, damit ich dich richtig verstanden habe, von zwei verschiedenen
00:00:36: Phänomenen. Das eine ist die Sofortimplantation, dass ich also das Implantat direkt nach Extraktion
00:00:41: setze, ob mit oder ohne Belastung. Wir reden hier aber jetzt von der Sofortbelastung, das heißt,
00:00:47: ich habe ein Implantat inseriert und möchte sofort ein festsitzendes Provisorium da drauf machen,
00:00:53: richtig? Genau. Da ist es sehr wichtig, die Primärstabilität des Implantats richtig zu
00:00:58: evaluieren, denn wie wir wissen, nimmt der Wert der mechanischen Primärstabilität im
00:01:05: Zuge der Heilung zunächst auch erstmal ab. Da die Knochenheilung immer nach dem AUA-Prinzip,
00:01:11: also zuerst Abbau, dann Umbau, dann Anbau erfolgt, müssen wir im Hinterkopf haben, dass zum Zeitpunkt
00:01:19: der Woche etwa 4 bis 6 in unserer Heilungskurve die Stabilität deutlich reduziert sein wird. Das
00:01:25: heißt, um auf deine Frage zurückzukommen: Wie bestimme ich eine sichere Primärstabilität?
00:01:30: Ich messe zum einen das Insertionsdrehmoment, ich messe zum anderen aber auch in diesen Fällen
00:01:35: immer die sogenannten ISQ-Werte. Das heißt, ich mache eine Resonanzfrequenzanalyse, um zum einen
00:01:42: die rotationale Stabilität des Implantats durch das Drehmoment und zum anderen aber
00:01:47: die Translation des Implantats, die Stabilität gegen Translation, gegen seitliche Bewegungen
00:01:54: durch die ISQ-Messung ebenfalls zu bestimmen. Und beide Werte müssen für mich zusammenpassen,
00:02:00: damit ich mich in der Sofortbelastung sicher fühlen kann. Welche Zusammenhänge bestehen
00:02:07: zwischen der Primärstabilität, gemessen im Eindrehmoment, und dem ISQ-Wert? Gibt es
00:02:14: da eindeutige Korrelationen oder lässt sich das nicht so übereinander lagern?
00:02:18: Nein, die Wissenschaft zeigt uns relativ deutlich, und das ist auch das Gleiche, was wir in unserer eigenen
00:02:23: Studie über das PROGRESSIVE-LINE gemessen haben, dass keine statistisch signifikante Korrelation
00:02:29: besteht zwischen Drehmoment und ISQ-Wert, weil es mechanisch oder physikalisch zwei unterschiedliche
00:02:36: Messgrößen sind, die ich messe. Das eine ist die Rotationsstabilität und die Achse,
00:02:41: das andere ist die Beweglichkeit des Implantats relativ zum Knochen. Und deshalb ist es für mich
00:02:47: auch nicht akzeptabel oder nicht der richtige Weg, z.B. sich nur auf eine Drehmomentmessung oder
00:02:55: nur auf eine ISQ-Analyse zu verlassen, sondern ich messe immer beide und für mich müssen beide Werte
00:03:01: zusammenpassen. Wenn wir jetzt noch mal darauf kommen, wir wollen das Implantat sofort belasten,
00:03:06: also nicht nur sofort versorgen, sondern sofort belasten, dann ist ja logischerweise
00:03:10: das Implantat auch teilweise in Funktion oder die Versorgung. Welche Werte strebst du dann da an in
00:03:17: Kombination? Okay, also ganz konkret: Drehmoment würde ich sagen mindestens 35 Newtonzentimeter
00:03:24: und von den ISQ-Werten gibt es eine wunderbare Skala, die sogenannte Osstell ISQ-Skala,
00:03:30: die wissenschaftsbasiert ist und uns eine ganz konkrete Handlungsanweisung gibt.
00:03:36: Es hängt ja auch davon ab, wird das Implantat in einem verblockten Full-Arch-Konstruktion stehen,
00:03:42: ist das Implantat teilverblockt, also sprich eine kleinere Brückenspanne,
00:03:47: oder spreche ich von einem Einzelzahn auf dem Implantat. Und die ISQ-Skala von Osstell unterteilt
00:03:55: hier tatsächlich ganz differenziert in genau diese vier verschiedenen Indikationsklassen und
00:03:59: gibt mir ganz konkrete Messwerte. Zum Beispiel das Anspruchsvollste, das Einzelimplantat unverblockt,
00:04:06: also zum Beispiel ein einzelner Frontzahn, müssen die ISQ-Werte höher sein als 70. Da gibt es eine
00:04:11: ganz konkrete Vorgabe und an diese halte ich mich auch. Okay, ist der Wert nicht erreicht, musst
00:04:18: du entsprechend von deinem Konzept abweichen und alternative Versorgungen wählen, richtig? Richtig.
00:04:23: Deshalb muss ich auch in meiner Patientenberatung, in meiner Patientenaufklärung immer darauf
00:04:28: hinweisen, dass die Sofortbelastung letztlich ein Kann, aber kein Muss ist. Es ist ein Versuch,
00:04:35: man muss aber einen Plan B in der Schublade haben, denn sollten die Stabilitätswerte nicht reichen,
00:04:38: habe ich immer noch ein Sofortimplantat, aber ich muss es konventionell einheilen lassen,
00:04:43: unbelastet. Was würdest du aus biologischer Sicht als ideales Eindrehmoment ansehen? Also rein
00:04:49: von der Belastung her hast du gesagt mindestens die 35 Newtonzentimeter. Ist das auch der Wert,
00:04:55: den du generell biologisch als das Ideal ansiehst oder welcher Wert sollte auch nicht überschritten
00:05:01: werden? Ja, der zweite Teil deiner Frage ist leichter zu beantworten als der erste,
00:05:05: denn das Drehmoment hängt tatsächlich wieder ganz stark davon ab, welche Knochenklasse habe
00:05:11: ich. Habe ich einen sehr, sehr kortikalen, wenig durchbluteten Knochen, muss ich mit
00:05:16: dem Drehmoment eher vorsichtig sein und muss eher mein Bohrprotokoll so wählen, dass ich das
00:05:21: Drehmoment reduziere. Beim weicheren Knochen kann ich hier eher zu progressiveren Bohrprotokollen
00:05:29: greifen. Also es hängt auch stark vom Knochen ab. Aber um mal eine Obergrenze zu nennen:
00:05:35: Eine technische Obergrenze würde ich bei etwa 80 Newtonzentimeter sehen und einen idealen Wert,
00:05:41: den ich im Alltag meistens als Limit setze, sind 50 Newtonzentimeter. Überschreite ich
00:05:47: das Insertionsdrehmoment bereits beim Eindrehen und merke bereits hier, ich kriege ein zu hohes
00:05:54: Drehmoment, einen zu hohen Drehmomentaufbau, entferne ich lieber das Implantat noch mal, präpariere nach mit einem Dense-Bone-Drill
00:06:00: oder einem Gewindeschnitt oder beidem und inseriere noch mal. Es geht dann letztendlich
00:06:05: auch um den krestalen Knochenerhalt. Inwiefern sagen dir deine Erfahrungen,
00:06:10: dass das Eindrehmoment darauf Einfluss nimmt oder auch nicht? Das ist eine sehr gute Frage,
00:06:17: denn hier ist die Literatur tatsächlich völlig widersprüchlich. Es gibt in der aktuellen
00:06:22: Literatur, ich habe alleine in dem Literaturreview von 2020 bis heute zwei große Metaanalysen
00:06:30: gefunden, die sich diametral widersprechen. Denn die eine sagt, bei Drehmomenten oberhalb von
00:06:36: 50 Newtonzentimeter verlieren wir tatsächlich krestal signifikant mehr Knochen. Die andere
00:06:41: Studie sagt, es ist kein Unterschied statistisch nachweisbar in der Metaanalyse der vorhandenen
00:06:46: Publikationen. Und deshalb wollte ich diese Frage mir selbst beantworten und habe damals
00:06:53: mit der PROGRESSIVE-LINE-Studie, als wir sie 2018 in unserer Praxis gestartet haben, genau darauf,
00:06:58: auf die Messung des krestalen Knochenverlustes, sehr viel Wert gelegt. Und wir konnten sehen,
00:07:04: dass für das PROGRESSIVE-LINE Implantat tatsächlich kein Zusammenhang besteht
00:07:08: zwischen Insertionsdrehmoment und krestalem Knochenabbau. Und wie wir mittlerweile in der
00:07:14: Finite-Elemente-Analyse im mathematischen virtuellen Computermodell auch sehr schön
00:07:19: nachvollziehen konnten, liegt es tatsächlich daran, wo und wie das Implantat die Kräfte
00:07:24: in den Knochen aufbaut. Und deshalb kann man diese Frage auch immer nur für das jeweilige
00:07:29: Implantatsystem beantworten. Wenn du mich jetzt zu einem anderen Implantatsystem fragen würdest,
00:07:34: müsste ich diese Frage eventuell anders beantworten. Und welche Erfahrungen hast
00:07:38: du mit PROGRESSIVE-LINE bei hohen Eindrehmomenten gemacht, also sagen wir mal 80 Newtonzentimeter,
00:07:44: hinsichtlich des knöchernen Umbaus? Also wir haben tatsächlich in unserer Studie Drehmomente bis 80
00:07:51: Newtonzentimeter im klinischen Alltag regelmäßig verwendet und haben zum Glück eigentlich gar keine
00:07:56: Probleme gesehen. Wir haben keinen signifikant erhöhten Knochenabbau gesehen im Vergleich zu
00:08:00: Low-Torque-Implantaten und wir haben auch keine erhöhten Komplikationsraten gesehen.
00:08:05: Ich bin aber trotzdem davon überzeugt, nach allem, was ich in der Literatur gelesen und gesehen habe,
00:08:12: dass man durch ein hohes Drehmoment die Knochenheilung sogar eher verlangsamt künstlich
00:08:18: als sie zu beschleunigen. Ich habe eine hohe Primärstabilität, aber ich erkaufe mir die durch
00:08:23: eine eher verlangsamte biologische Knochenheilung, weil viel Kompression für den Knochen bedeutet
00:08:28: viel Umbau, viel Abbau, viel Resorption zunächst, bevor das Implantat seine Endstabilität erreicht. Siehst du
00:08:35: die PROGRESSIVE-LINE als Universalimplantat für alle Knochenqualitäten? Ja, also wir setzen das
00:08:40: Implantat universell ein in allen Knochenklassen D1 bis D4. Es ist natürlich primär ein Implantat,
00:08:47: das seine Hauptvorteile in Indikationen wie D3 und D4, also im weichen Knochen, ausspielt und bei der
00:08:54: Sofortimplantation/Sofortbelastung ausspielt. Es ist aber universell einsetzbar. Wichtig ist nur,
00:09:01: entsprechend dem Bohrprotokoll zu folgen, das heißt in D1- und D2-Knochenindikationen
00:09:07: auch den Dense-Bone-Drill zu verwenden, wie empfohlen. Vielen Dank, Jörg, dass du deine
00:09:12: Philosophie des Umgangs mit den Eindrehmomenten und ISQ-Werten heute mit uns geteilt hast.
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