Episode 3: Die Überweiserpraxis - zwischen Trends und Beständigkeit
Shownotes
Oralchirurg Dr. Marcus Seiler arbeitet seit über 25 Jahren erfolgreich mit einem breiten Netzwerk an zuweisenden Zahnärztinnen und Zahnärzten zusammen. Zusammen mit PD Dr. Amely Hartmann und weiteren Kolleginnen und Kollegen bedient er das gesamte Spektrum der Implantat- und Augmentationschirurgie. In dieser VOI-Folge gehen die Experten auf die Aspekte ein, die in der Kooperation mit Überweisern besonders relevant sind. Sie besprechen auch Fragen wie: Wer entscheidet über das Implantatsystem und was ist aus Sicht des Chirurgen bei der Systemwahl wichtig? Darüber hinaus diskutieren sie aktuelle Themen wie zum Beispiel die Sofortimplantation und Sofortversorgung – alles vor dem Hintergrund einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit ihren Überweisern.
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Transkript anzeigen
00:00:00: Es ist einfach so, dass natürlich die allgemeinzahnärztliche Praxis
00:00:03: an dieser Wertschöpfungskette im Bereich der zahnärztlichen Implantologie teilhaben muss,
00:00:11: auch um wirtschaftlich letztendlich über die Runden zu kommen am Ende des Tages.
00:00:25: Ja, mein Name ist Markus Seiler, ich bin Oralchirurg und betreibe seit 25 Jahren eine Praxisklinik
00:00:32: in Filderstadt und an einem weiteren Standort in Kirchheim unter Teck. Meine Schwerpunkte liegen im
00:00:39: Bereich der augmentativen Chirurgie und der Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie. Mein Name ist Amelie
00:00:45: Hartmann, ich bin angestellte Oralchirurgin in den Praxiskliniken Dr. Seiler und Kollegen. Nebenher
00:00:52: schlägt mein Herz für die Wissenschaft und so sind meine Forschungsschwerpunkte die Neurophysiologie
00:00:57: sowie die augmentativen Techniken. Du arbeitest seit 25 Jahren erfolgreich mit deinem Konzept und
00:01:05: unseren Überweisern zusammen. Welche Empfehlungen kannst du mir als noch der jungen Generation
00:01:11: mitgeben? Ja, danke für die Frage, Amelie. Rein prinzipiell ist es so, dass eigentlich der Erfolg
00:01:19: im Wesentlichen und grundsätzlich primär auf einer guten fachlichen Ausbildung basiert. Das heißt,
00:01:28: ich muss schwierige Indikationen beherrschen, um letztendlich dann mich auch in einem umkämpften
00:01:36: Markt behaupten zu können. Ich glaube, du bist ja ein gutes Beispiel dafür,
00:01:40: wie man sowas systematisch aufbaut. Des Weiteren sollte ich mich fokussieren und auch beschränken
00:01:49: auf mein Fachgebiet. Ein weiterer wichtiger Aspekt aus heutiger Sicht ist mit Sicherheit das,
00:01:55: was man allgemein oder im Neuenglischen unter Soft Skills zusammenfassen würde. Das heißt,
00:02:00: ein guter Umgang mit den Patienten, ein guter Umgang mit den Zuweisern und dann natürlich
00:02:08: auch heute wichtiger denn je ist einfach der gute Umgang mit meinem Personal und die Wertschätzung
00:02:15: für das Personal in meinem oder für das Team. Ja, was würdest du sagen, Amelie, ist für die
00:02:21: junge Chirurgen- und Zahnärztegeneration aus heutiger Sicht wichtig? Zum einen freue ich mich,
00:02:27: dass du mich noch als junge Chirurgen-Generation bezeichnest, das möchte ich an der Stelle mal
00:02:31: sagen. Zum anderen natürlich die Ausbildung, da bin ich hundertprozentig bei dir, steht im Fokus.
00:02:37: Haben wir nichts, was wir auch den Überweisern anbieten können, womit wir uns differenzieren
00:02:42: können. Das heißt, Fortbildungsmöglichkeiten nutzen, Curricular anbieten, entsprechend den
00:02:48: Willen haben, in unserem Alltag besser zu werden. Das ist der essentiellste Punkt. Dann natürlich,
00:02:55: du hast es auch bereits angesprochen, die Empathie unseren Mitarbeitern gegenüber,
00:03:00: den Patienten natürlich, um die geht es, und auch in der Kommunikation mit den Überweisern.
00:03:06: Das sehe ich als wichtigen Punkt. Gleichermaßen abzuwägen, die neuen Trends, mit denen wir uns
00:03:13: auseinandersetzen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben, und das gilt es abzuwägen gegenüber einem
00:03:20: verlässlichen Konzept, das wir unseren Überweisern natürlich über die Jahre auch schon anbieten. Das
00:03:25: ist ein wesentlicher Punkt und vor allem die Freude am Beruf, dass wir unseren Beruf gern
00:03:32: machen, weil nur dann sind wir auch gut bei dem, was wir tun.
00:03:41: Wer trifft die Entscheidung, welches Implantatsystem gesetzt wird? Nun, sicherlich ist es der Überweiser oder die Überweiserpraxis, die
00:03:48: entscheidet anhand der prothetischen Präferenzen. Schließlich muss in der Praxis dann die Versorgung
00:03:54: der Suprakonstruktion erfolgen und da sind wir in engem Dialog mit den Praxen gemäß unserem Konzept entsprechend.
00:04:01: Natürlich gibt es in vielen Überweiserpraxen heute auch schon Systeme, die eben vorhanden sind,
00:04:07: weil sie selber bei einfachen Indikationen implantieren. Wie siehst du diesen Punkt? Ja,
00:04:13: das stimmt absolut. Die Implantologie ist ja massiv in die Breite gegangen in den
00:04:17: letzten 20 Jahren und es ist einfach so, dass natürlich die allgemeinzahnärztliche Praxis
00:04:23: an dieser Wertschöpfungskette im Bereich der zahnärztlichen Implantologie teilhaben
00:04:30: muss, auch um wirtschaftlich letztendlich über die Runden zu kommen am Ende des Tages. Und wir
00:04:37: natürlich in diesem Wertschöpfungsprozess oder in dieser Wertschöpfungskette,
00:04:42: die vorhanden ist, da einen Teil natürlich abdecken können in unseren Indikationen. In
00:04:47: aller Regel differenzieren wir uns von der allgemeinzahnärztlichen Praxis ja dadurch,
00:04:53: dass wir die schwierigen und anspruchsvollen Indikationen eben beherrschen und in der Lage
00:04:59: sind, ich sage jetzt mal, das Unmögliche möglich zu machen und damit eben auch die Bedürfnisse der
00:05:08: zunehmenden oder älter werdenden Generation auch zufriedenstellen zu können. Deshalb auch
00:05:13: die Empfehlung an die junge Generation, sich zu spezialisieren. Korrekt, das ist korrekt, ja,
00:05:18: auf alle Fälle. Und es macht auch wirklich Sinn, sich bezüglich der Implantate zu
00:05:24: fokussieren auf ein enges Portfolio. Das heißt in aller Regel die Top Five im Markt,
00:05:32: um einfach da nicht zu kleinteilig zu werden und mit Exoten zu arbeiten. Dies bietet eben auch dann
00:05:40: den Vorteil, dass man eben eine langfristige oder eine Nachhaltigkeit hat, weil wir ja die Probleme erst
00:05:49: wesentlich später auftreten, nicht innerhalb der ersten 10 Jahre, sondern meistens eben
00:05:54: nach 15-20 Jahren. Und unsere Patienten werden natürlich zunehmend älter, wir haben ein anderes
00:06:01: Klientel. Deshalb ist die Nachhaltigkeit, sehe ich auch stark im Vordergrund. Ich erinnere mich
00:06:06: auch noch gut daran, als der junge Manager Michael Ludwig mich besuchte damals und mich
00:06:14: damals überzeugte davon, dass man mit Camlog starten sollte. Es kristallisierte sich aber
00:06:21: relativ schnell heraus, dass sich das SCREW-LINE doch in allen Indikationen bewährt hatte und wir somit
00:06:29: den Fokus auch darauf legten. Das war auch sehr entgegenkommend dahingehend, dass es natürlich
00:06:34: eine Vereinfachung fürs Team ist in Bezug auf die Logistik, die ja vorgehalten werden muss
00:06:40: und natürlich auch Bestellwesen im Wesentlichen. Und der Schulungsbedarf der Mitarbeiter ist eben
00:06:49: dadurch deutlich geringer. Einfach ja ganz nach dem KISS-Prinzip: Keep it stupid simple.
00:07:01: Ja, Amelie, wo siehst du aus deiner Sicht heute die aktuellen Trends,
00:07:07: die zukunftsfähig sind und von denen man ausgehen kann, dass sie sich vielleicht auch in der Praxis
00:07:12: etablieren werden? Nun, zukunftsfähig muss sich bei Trends natürlich erst herauskristallisieren,
00:07:18: aber absolut verfolgenswert in unserer Alltagspraxis lohnt sich sicherlich das
00:07:24: Konzept der Sofortimplantation, entsprechend dann in Zusammenarbeit mit den Überweisern die
00:07:31: Sofortversorgung. Zum einen natürlich vor allem bei jungen Patienten, Stichwort Traumapatienten,
00:07:37: die wollen natürlich sofort wieder mitten im Leben stehen, wollen rehabilitiert sein,
00:07:42: ästhetisch rehabilitiert sein. Und hier sehe ich z.B. absoluten Bedarf für ein aggressives Gewinde
00:07:50: wie jetzt z.B. hier CAMLOG PROGRESSIVE-LINE, entsprechend wo wir eine Verankerung auch im
00:07:56: apikalen Drittel erreichen können durch eben diese aggressiven Gewindegänge. Hier sehe ich einen
00:08:03: absoluten Trend. Gleichermaßen auch bei älteren Patienten, diese älteren Patienten wollen auch
00:08:10: wieder vielleicht schneller ihre Rehabilitation erfahren, wollen eine verkürzte Einheilzeit,
00:08:17: wenn möglich, und auch hier ist es wünschenswert. Ich sehe hier einen absoluten Trend unserer Zeit,
00:08:25: gleichwohl natürlich auch die richtige Indikationsstellung nicht vergessen werden darf. Ja, wir sehen es
00:08:32: beim Hartgewebe, es muss stimmig sein gemäß den vorgegebenen Kriterien vom ITI Treatment Guide.
00:08:39: Entsprechend Soft Tissue, also Weichgewebe, muss stimmig sein und es muss fixierte Gingiva
00:08:45: sein. Würdest du mir hier recht geben in diesen Punkten oder siehst du das kritisch? Ich sehe
00:08:51: es nicht kritisch, sondern grundsätzlich sehe ich wesentliche Punkte gleich bzw. habe ich
00:08:58: aber natürlich so gewisse, so meine Bedenken in einem Punkt. Im Bereich der Sofortversorgung sind
00:09:06: doch die Indikationen und es haben eigentlich die letzten 20 Jahre gezeigt, und ich erinnere
00:09:11: mich sehr wohl natürlich an diese Trends, die aufgezeigt wurden, die sich aber in der Praxis
00:09:15: eigentlich nie durchgesetzt haben. Wir leben natürlich so ein bisschen alle vom Erfolg und
00:09:21: das Problem, das wir natürlich in der implantologischen Praxis haben, ist, dass
00:09:25: ein Misserfolg sich natürlich immer wesentlich schneller herumspricht als ein Erfolg. Das heißt,
00:09:32: weil der Patient per se einfach mal davon ausgeht, dass der Arzt ihm einen Erfolg letztendlich
00:09:41: garantiert auf eine gewisse Art und Weise. Insofern sind wir etwas konservativer oder ich
00:09:45: bin von meinem Naturell her etwas konservativer aufgestellt und versuche da die Biologie,
00:09:52: also sprich das biologische System, wo wir das Implantat inserieren,
00:09:56: nicht so überstrapazieren, sondern in einem gewissen Rahmen ja zu strapazieren,
00:10:02: aber wie gesagt eben nicht zu überdehnen, das ganze System. Und aus dieser Erkenntnis heraus
00:10:08: sind meine Indikationen sehr eingeschränkt, wenn es darum geht, Sofortbelastung zu machen.
00:10:16: Darf ich da einiges dazu sagen? Zum einen ist es essentiell, dass wir natürlich nicht vergleichen
00:10:21: die Systeme, wo wir z.B. früher dann auch die Misserfolge hatten bei der Sofortimplantation.
00:10:26: Die Oberflächen sind anders, es ist viel mehr Forschung erfolgt seitdem, deswegen ist die
00:10:32: Vergleichbarkeit sehe ich jetzt tatsächlich ein bisschen anders. Und ich muss sagen,
00:10:37: wir haben das Thema Spezialisierung angesprochen, also entscheidend ist,
00:10:42: wo wir denke ich übereinstimmen, ist die korrekte Spezialisierung,
00:10:46: dass wir die Indikation eben richtig stellen können, ob wir das zum Einsatz bringen,
00:10:50: dieses Verfahren mit der korrekten Material- oder Systemwahl, wie wir angesprochen haben,
00:10:56: das steht ja für uns im Vordergrund. Darf ich noch anmerken hinsichtlich des Überweiserkonzeptes:
00:11:02: Wir müssen mit aktuellen Trends mitgehen, wir haben neue Technologien wie guided surgery,
00:11:09: was uns zur Verfügung steht, digitale Techniken, und ich denke, wenn wir das nutzen, sind wir
00:11:14: zum einen konkurrenzfähig und zum anderen auch vielleicht hoffentlich deutlich erfolgreicher.
00:11:20: Würde ich das sehen? Das ist ein Konsens, auf den ich mich mit dir einlasse. Freut mich.
00:11:32: Über 20 Jahre Erfahrungen mit SCREW-LINE, was hat dich dazu bewogen, gerade dieses System in unsere
00:11:40: Praxis zu etablieren, das besprochene Konzept zu führen? Wie sind deine Langzeiterfahrungen
00:11:46: auch entsprechend? Also es hat sich als sehr verlässliches System herauskristallisiert über
00:11:52: die Jahre. Und gehen wir mal so ein bisschen in die Historie von CAMLOG rein, war es ja quasi
00:11:57: im Markt damals als wahrgenommen worden als erstes prothetisch wirklich prothetisch denkendes System.
00:12:04: Das heißt, es hatte eine sehr hohe Akzeptanz sowohl im Bereich der Zahntechniker, der Zahnärzte
00:12:10: als auch im chirurgischen Bereich. Und das war auch das, was ja letztendlich das System bis
00:12:18: heute sehr erfolgreich macht. Was ich aus meiner klinischen Erfahrung heraussagen kann, ist, und
00:12:24: da darf man immer sicher sein, dass natürlich diese Patienten, die jetzt Probleme hätten,
00:12:31: natürlich irgendwann wieder bei einem im Stuhl sitzen und zurück überwiesen werden. Und das ist
00:12:39: eine sehr, sehr begrenzte oder geringe Zahl an Patienten. Das kann mal zu einer periimplantären
00:12:47: Infektion kommen, wobei dies natürlich überhaupt kein Massenphänomen ist. Das ist eine Ausnahme,
00:12:53: die wir bei uns in der Praxis eigentlich sehen. Grundsätzlich muss ich natürlich sagen,
00:12:57: da kommen wir wieder auf das Thema Augmentationen zu sprechen, grundsätzlich ist natürlich wichtig,
00:13:03: dass wir von Anfang an dafür gesorgt haben, dass wir eben ein gutes knöchernes Lager schaffen und
00:13:10: eben die entsprechenden augmentativen Maßnahmen adjuvant immer ausgeführt haben, therapeutisch,
00:13:17: um eben diese bekannten Faktoren, die den Langzeiterfolg garantieren, auch
00:13:25: zu implementieren oder durchzuführen. Ja, also insofern kann man sagen, zusammenfassend, dass es
00:13:34: eigentlich keine wesentlichen Probleme über die vielen Jahre gegeben hat und somit zufriedene
00:13:42: Zahnärzte, zufriedene Zahntechniker, zufriedene Patienten kreiert und
00:13:47: das natürlich keine unwesentliche Basis für langfristigen Erfolg.
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